Inhalt

Titel_BA33.jpg

Zieldifferente Inklusion in Paderborn vorläufig ohne Gymnasien

Da das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung bekanntermaßen künftig die Regel sein soll, hatte die Bezirksregierung Detmold die Stadt Paderborn im Juli 2014 aufgefordert, für das Schuljahr 2015/16 entsprechende Angebote für das ‘Gemeinsame Lernen’ in der Sekundarstufe I bereitzustellen. Auch die fünf städtischen Gymnasien sollten daraufhin ein Angebot schaffen, um genügend Kapazitäten für die erwartete Zahl an Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf vorhalten zu können.
 
Nachdem die Schulleiter im Oktober gegenüber dem Schuldezernenten der Stadt Paderborn ihre Bedenken geäußert hatten, wurde verabredet, dass die Schulkonferenzen der einzelnen Gymnasien bis Ende November ein Votum über diese Frage abgeben sollten. Nun wurden die Diskussionen über das Thema ‘Gemeinsames Lernen am Gymnasium’ in den Schulmitwirkungsgremien (Lehrerkonferenz, Schulpflegschaft, SV) intensiviert und Informationen über die rechtlichen Rahmenbedingungen sowie Erfahrungen an anderen Gymnasien in Nordrhein-Westfalen ausgetauscht. Teilweise wurden sogar externe Experten zum Gespräch eingeladen.

Eindeutiges Votum

Als Ergebnis dieses Meinungsbildungsprozesses formulierten schließlich die Schulpflegschaften der Gymnasien ein gemeinsames Positionspapier. Die Schulkonferenzen aller fünf Gymnasien gaben ebenso ihr Votum ab: Alle sprachen sich einstimmig  (!) gegen das Angebot zieldifferenter Inklusion an ihrem Gymnasium aus. Was waren die Gründe für diese einhellige Antwort?
 
Die Schulen betonten grundsätzlich ihre pädagogische Verantwortung für ihre Schülerinnen und Schüler: Bildungsauftrag und Zielsetzung des Gymnasiums sei das Abitur, wie auch im so genannten Schulkonsens von 2011 formuliert. Die Aufnahme von Schülerinnen und Schülern, die dieses Ziel nicht anstrebten (also zieldifferent unterrichtet werden müssen), sei eine prinzipielle Überforderung, gerade weil die Gymnasien das Prinzip der individuellen Förderung ernst nehmen und bei zunehmender Heterogenität leistungsstärkeren und leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern gleichermaßen im verkürzten achtjährigen gymnasialen Bildungsgang gerecht werden wollen. Durch die zieldifferente Inklusion werde der Lernerfolg aller Kinder am Gymnasium, ob mit oder ohne Behinderung, gefährdet. »Zieldifferente Inklusion widerspricht dem gymnasialen System – insbesondere auch wegen der gerade eingeführten G8-Form, die schon zu großen Problemen führt, wenn (deutlich) mehr als vierzig Prozent eines Jahrgangs aufgenommen werden«, stellt OStD Bernhard Gödde fest, der als Leiter des Gymnasiums Schloß Neuhaus auch Sprecher der Leiter der Paderborner Gymnasien ist.
 
Dass dagegen für Schülerinnen und Schüler mit Behinderung, die ‘zielgleich’ das Abitur erwerben wollen, Angebote des ‘Gemeinsamen Lernens’ am Gymnasium gemacht werden und schon seit langer Zeit gemacht wurden, wurde deutlich herausgestellt.

Wie soll angemessene Förderung gelingen?

Neben diesem grundsätzlichen Bedenken wiesen die Schulen auch darauf hin, dass die bisherige Konzeption des ‘Gemeinsamen Lernens’ für die konkrete pädagogische Umsetzung gerade am Gymnasium mit seinen Besonderheiten viele Fragen offenlasse: Wie soll unter den personellen Rahmenbedingungen (mangelnde Ausstattung mit ausgebildeten Sonderpädagogen, unzureichende Fortbildungen und Entlastungen) eine angemessene Förderung aller Kinder gelingen? Wie sollen bei fehlenden Differenzierungsräumen an Gymnasien die Kinder mit Behinderung zeitweise intensiv in einer Kleingruppe gefördert werden, wenn eine Teilnahme am Klassenunterricht nicht sinnvoll ist (beispielsweise in der 2. Fremdsprache)? Wie wirkt sich das Fachlehrerprinzip aus auf die Schüler (häufig wechselnde Bezugspersonen) und die Lehrer (Terminierung wöchentlicher Teamabsprachen)? Etc.

Schulausschuss akzeptierte Ablehnung

Die Stellungnahmen der Schulpflegschaften und Schulkonferenzen wurden dann im Dezember in den Schulausschuss der Stadt Paderborn eingebracht. Dieser und die Verwaltung akzeptierten die Ablehnung eines Angebots zum zieldifferenten ‘Gemeinsamen Lernen’ an den Gymnasien der Stadt.
 
Neben den Gymnasien hatten sich im Übrigen auch zwei Realschulen und eine Gesamtschule gegen die zeitnahe Einrichtung eines solchen Angebots ausgesprochen; auch diese Ablehnungen wurden akzeptiert. Die Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden nunmehr im kommenden Schuljahr auf die Schulen in Paderborn verteilt, an denen es schon ein Angebot des ‘Gemeinsamen Lernens’ gibt (zwei Gesamtschulen, zwei Realschulen), sowie auf Schulen in Nachbarorten im Kreis Paderborn, die noch Aufnahmekapazitäten haben.

Lösung auch ohne zwangsweise Beteiligung der Gymnasien

Es zeigt sich also, dass es auch ohne die zwangsweise Beteiligung der Gymnasien möglich sein kann, genügend Plätze für die zieldifferente Inklusion bereitzustellen.
 
Wie sich die Nachfrage der Eltern an zieldifferenter Inklusion für ihre Kinder in Zukunft entwickeln wird – zumal zwei von drei Förderschulen mit dem Schwerpunkt ‘Lernen’ in Paderborn geschlossen werden sollen – und ob die Nachfrage auch weiterhin ohne Inanspruchnahme der Gymnasien befriedigt werden kann, ist ungewiss. Interessant ist immerhin die Stellungnahme der Leiter der Gesamtschulen im Kreis Paderborn, die den Gymnasien ihre Ablehnung nicht ‘zum Vorwurf machen’.