Inhalt

Hattie – was bedeutet das eigentlich für den Schulalltag von Kolleginnen und Kollegen?

Als ein Kollege mir kürzlich diese Frage stellte, war meine erste Antwort: »Du musst in Zukunft doch nicht alles ganz anders machen – es wäre schon gut, das Wesentliche besser, das Wichtige häufiger, das Sinnvolle tatsächlich zu tun.« Verblüfft gab er zurück: »Und was bitte ist wesentlich, wichtig, sinnvoll?« Ich musste also doch ein wenig ausholen …
 
Die XXL-Metastudie ‘Visible Learning’ John Hattie (2009, dt. 2013) hat mit einem Schlag Spreu und Weizen in der Schuldebatte voneinander geschieden. Demnach sind Strukturfragen für den Lernerfolg wenig bedeutsam, entscheidend ist vielmehr die Qualität des Unterrichts, also Handeln und Einstellungen des Lehrers. Und genau dort, bei der Sicht der Lehrperson, steht eine förmliche Revolution für den bislang selbstlerneuphorischen Schulreformdiskurs an: Hattie charakterisiert nämlich den lernwirksamen Lehrer als activator (Regisseur) und grenzt ihn damit deutlich ab vom facilitator (Moderator). Eine lernförderliche Lehrperson muss Kapitän der Lerngruppe sein – und nicht nur ihr Lernbegleiter. Ewald Terhart wertet die Befunde von ‘visible learning’ denn auch als »Absage an eine naiv- oder pseudokonstruktivistische Ausrichtung des Lehrerbewusstseins, das sich eher in der Beobachter- als in der Aktivatorrolle gefällt. Durch dieses aktive, herausfordernde Lehrerbild rehabilitiert Hattie den dominanten, redenden Lehrer – der aber ebenso auch genau weiß, wann er zurücktreten und schweigen muss. Die Perspektive auf den Unterricht ist: lehrerzentriert. Im Zentrum steht ein Lehrer, für den allerdings seine Schüler im Zentrum stehen. Er muss ihr Lernen sehen können, um sein Lehren daran orientieren zu können.« (Terhart 2011)
 
Zwar darf man die Aussagekraft von Metastudien ruhig als begrenzt ansehen - indes liegt auf der Hand: Die Hattie-Befunde korrellieren eindrucksvoll mit den Alltagserfahrungen des durchschnittlichen zufriedenen und erfolgreichen Schulpraktikers. Insbesondere wird belegt, dass hochgradige Individualisierung nur geringe Lernwirksamkeit aufweist und somit gerade kein Allheilmittel dafür ist, ‘jeden Lerner mitzunehmen’ bzw. ‘keinen Schwachen zurückzulassen’. Dies knüpft an die verbreitete Erfahrung an, wonach Unterrichtsmethoden, die Schüler beim Lernen zu früh und/oder zu lange sich selbst überlassen, umso unergiebiger und damit erfolgsriskanter sind, je geringer das Lerntempo der Schüler, je prekärer ihr familiärer Bildungshintergrund ist. Die frühe Warnung Hermann Gieseckes (2007) vor der latenten Bildungsungerechtigkeit einer aufgeweichten Lehrerrolle hat damit die überfällige empirische Untermauerung erfahren. Pädagogische Zurückhaltung trägt eher zur sozialen Spreizung bei statt diese abzumildern.
 
Lernwirksamer Unterricht, das ist also nicht mehr und nicht weniger als ein permanenter, geführter und hochdifferenzierter Lehr-Lern-Dialog. Mit Köller (2012) könnte man dies in vier Kernaspekten aufblättern:
 

  • störungsarmes, lehrergeleitetes Unterrichtsgeschehen
  • hochgradige kognitive Aktivierung der Schüler
  • gut strukturierte Lernprozesse
  • vielfältiges Feedback

 
Das Wesentliche besser, das Wichtige häufiger, das Sinnvolle tatsächlich tun – damit wird aus Sicht der Lehr-Lern-Forschung insbesondere die Methodik ‘Direkte Instruktion’ rehabilitiert. Dieser Begriff meint nicht ermüdende Lehrermonologe (wie sie die beliebte Diskurskeule ‘Frontalunterricht’ nahelegt), sondern eine differenzierte und dynamische Abfolge von Plenums-, Einzelarbeits- und Teilgruppenphasen, mit denen sich hocheffizient neues Wissen generieren lässt:

Anknüpfen

Sorge dafür, dass das nötige Vorwissen der Schüler hinreichend aktiviert (und damit ein Stück weit homogenisiert) wird (etwa durch Miniselbsttests)!

Erkunden

Wähle interessante und herausfordernde Problemaufgaben zur Erschließung des neuen Lernthemas im Plenum aus! Scheue dich nicht, nach einer Erkundungsphase nicht entdeckte Zusammenhänge selbst zu erklären.

Erproben

Biete zur eigenständigen Erprobung Aufgaben mit steigendem Schwierigkeitsgrad an (z.B. Blütenaufgaben). Halte für Lernschwächere von Anfang an zusätzliche Hilfen bereit (z.B. Musterlösungen).

Vernetzen

Gib den Schülern im lehrergeleiteten Zwischenplenum Gelegenheit, ihre Erfahrungen auszutauschen – um Irrtümer aufzuklären und die Erkenntnisbasis bei jedem Einzelnen zu verbreitern.

Festigen

Verschaffe jedem genug Gelegenheit zu Übung und Festigung – das nötige Maß wird bei jedem unterschiedlich sein, die Erledigung muss bei vielen kontrolliert werden. In dieser Phase können sich Lernstarke vielfältig als Lernhelfer profilieren.
 
Bei solchem Vorgehen wird durchaus individualisiert – aber behutsam, d.h. ohne das Risiko der Vereinzelung, der Oberflächlichkeit und unnötiger Konkurrenz. Und es wird durchaus kooperiert – mal im Partnergespräch, mal im Plenum. Auch das vielbeschworene Selbst der Schüler ist natürlich mit im Spiel – nämlich immer dann, wenn sie gut aktiviert sind: beim Erinnern, beim Zuhören, beim Ausprobieren, beim Debattieren. Ebenso wölbt sich über allem – nach Hattie ein Muss – eine Aura verstärkten und vielfältigen Feedbacks.
 
Natürlich ist direkte Instruktion nicht alles. Aber kooperative Lernformen bergen, je nach Sachkomplexität und Selbstständigkeitsgrad, zwei erhebliche Risiken: Überforderung und Mitläufertum. Soll Gruppenarbeit individuell lerneffizient sein, kann deshalb auf Erklärphasen und Testbatterien nicht verzichtet werden – nach Wellenreuther (2011) viel Arbeit für den Lehrer.
 
Eminent wichtig bei alledem ist die Lehrer-Schüler-Beziehung, die ermutigende und einfühlsame, herausfordernde und orientierende Präsenz der Lehrperson – sie fällt bei Hattie unter die top eleven der untersuchten Qualitätsaspekte. Lernförderlich ist nicht das bisherige Reformideal des verhaltenen triple-A-teachers (anbietend, akzeptierend, autonomieorientiert), sondern eine B-Sixpack-Variante:
 

  • der von seinen Schülern Begeisterte
  • der für sein Fach aktiv Be-Geist-ernde
  • der jungen Menschen Brückenbauende
  • der beim Lernen auch Belastende
  • der bei Schwierigkeiten auch Bändigende
  • der immer auch Beratende.

 
Als es klingelte, meinte mein eingangs erwähnter Kollege: »Ja, aber das mach’ ich doch oft genau so!« Diese Verblüffung ist nach Jahrzehnten methodischer Konfusion unter dem Paradigma der Selbstlerneuphorie typisch. Ich gestand ihm gerne zu, dass er womöglich schon ganz richtig liege – regte aber an nachzudenken, welche der einzelnen Schritte sich noch optimieren ließen.

Zum Autor

Michael Felten ist Gymnasiallehrer, gefragter Schulentwickler, Autor und Publizist (‘Auf die Lehrer kommt es an!’, ‘Schluss mit dem Bildungsgerede’, ‘Lernwirksam unterrichten’). Er veröffentlicht unter anderem regelmäßig in einer eigenen Kolumne in der ZEIT.
 
Mehr Informationen über seine Arbeit unter www.eltern-lehrer-fragen.de.

Veranstaltungshinweis des Philologen-Verbandes

Wer Michael Felten persönlich kennenlernen will, hat dazu am 27. Mai 2015 von 16:00 bis 18:00 Uhr Gelegenheit. Dann bietet der PhV-Bezirk Köln gemeinsam mit ihm eine Veranstaltung zum Thema ‘Auf die Lehrer kommt es an: Individuelle Förderung – Mythos und Möglichkeiten’ an.
 
Ort: Kolpinghaus Messe-Hotel Deutz, Theodor-Hürth-Straße 2, Köln.
 
Um Anmeldung per Mail an ingokoehne@gmx.de wird gebeten.